Wunsiedel Schachfestival 2014
Pressebericht aus Sicht des SV Deggendorf
23.06.2014 - 20:27

von Franz Haselbeck

Seine bereits achte Auflage erlebte das Schachopen in Wunsiedel. Das traditionell am verlängerten Fronleichnams-Wochenende ausgetragene Turnier hat sich inzwischen zu einem der drei stärksten offenen Schachturniere in Deutschland gemausert. Die Profis zieht dabei vor allem ein üppig gefüllter Preisgeld-Topf, die Amateure die Aussicht, sich mit Spieler der Spitzenklasse zu messen und alle zusammen die hervorragende Organisation nach Oberfranken.
Auch einige Deggendorfer fanden heuer den Weg in die Frankenhalle, allen voran der Spitzenspieler des Vereins, der bulgarische Großmeister Aleksander Delchev, der als Vierter der Setzliste zum absoluten Favoritenkreis gehörte. Und er wurde dieser Rolle vollauf gerecht. Nach zwei leichteren Aufgaben zum Auftakt gab er zwar in Runde 3 gegen den Erfurter Internationalen Meister Christian Troyke etwas überraschend einen halben Punkt ab, konnte aber nach einem weiteren Pflichtsieg in Runde 5 den bis daher ohne Punktverlust führenden russischen GM Evgeny Romanov in einer sehenswerten Angriffspartie in die Knie zwingen. In den beiden Schlussrunden gegen die Großmeister Vitaly Kunin (Deutschland) und Stelios Halkias (Griechenland) musste Delchev nach eigener Aussage seinen Anstrengungen ein wenig Tribut zollen und sich daher jeweils mit einem Remis begnügen. Romanov konnte so den Anschluss an die Spitzengruppe wiederherstellen. Letztendlich kamen nach sieben Runden acht Spieler auf 5,5 Punkte. Vergeblich suchte man unter ihnen allerdings den Namen des Top-Favoriten GM Liviu Dieter Nisipeanu, der mit einer ELO-Zahl von knapp unter 2700 ohne Zweifel der erweiterten Weltspitze angehört. Nisipeanu, der vor kurzem seinen Wechsel vom rumänischen zum deutschen Schachbund bekannt gegeben hatte und für den deutschen Abonementsmeister OSG Baden-Baden in der Bundesliga einer der Leistungsträger ist,Turnierfavorit scheidet gegen Jugendspieler aus hatte sich zur Überraschung aller in der 3. Runde dem italienischen Nachwuchsspieler Francesco Rambaldi beugen müssen. Über den Turniersieger musste die Feinwertung entscheiden, und hier hatte Romanov einen hauchdünnen Vorsprung vor Delchev und dem drittplatzierten GM Normunds Miezis aus Lettland. Dennoch, ein weiterer schöner Erfolg für Aleksander Delchev nach dem Gewinn der offenen bayerischen Meisterschaft im vergangenen Herbst.

Gut präsentierten sich im A-Turnier auch die beiden weiteren Deggendorfer Alexander Stadler und Franz Haselbeck. Stadler, erst vor wenigen Wochen zum Niederbayerischen Einzelmeister gekürt, startete mit einem Punkt aus drei Partien verhalten, siegte aber anschließend drei Mal in Folge und bezwang dabei auch den Ebersberger Regionalliga-Spitzenspieler FM Ulrich Zenker überzeugend. Mit etwas Glück hielt er in der Schlussrunde auch gegen dem amtierenden Bayerischen Meister FM Felix Stips die Stellung im Gleichgewicht und belegte mit 4,5 Punkten einen ausgezeichneten 26. Gesamtrang, wobei er einige Titelträger und viele vor ihm gesetzte Spieler hinter sich lassen konnte.
Haselbeck, im "Meisterturnier" (es erlaubt nur Spielern mit einer DWZ über 1800 die Teilnahme) mit seiner aktuellen Wertungszahl lediglich die Nummer 126 von 138 Startern, hatte es ausschließlich mit höher eingestuften Gegnern zu tun. Dass er dabei drei Punkte erreichte und sich als 97. deutlich über seiner Einstufung platzieren konnte, stellte in daher vollauf zufrieden. Stark zeigten sich auch die weiteren Teilnehmer aus Niederbayern Dominic Wisnet (28./4,5 Punkte) FM Roland Knechtel (33./4,5) und Uwe Kleibel (71./3,5); die drei Röhrnbacher hatten, ebenso wie auch Alex Stadler, im Turnierverlauf mindestens einmal die Ehre, gegen eine Großmeister antreten zu dürfen.
Für die aus Deggendorfer Sicht größte Sensation sorgte Willi Haimerl im B-Turnier (als "Amateurturnier" offen für alle Spieler mit einer DWZ bis 1900). Haimerl war hier mit einer Wertungszahl von 1688 unter 112 Startern lediglich an Position 54 gesetzt. Dies hinderte ihn allerdings nicht daran, sich mit 5 Gewinn-partien in Serie an die Spitze des Felds zu setzen. In der sechsten Runde hatte er mit Karsten Konczak (SV Bückeburg) die Nummer 1 als Gegenüber und hätte sich mit einem Sieg vorzeitig den Turniersieg sichern können. Allerdings unterlief ihm hier mit den weißen Steinen in ausgeglichener Stellung ein entscheidender Fehler, der die erste Niederlage zur Folge hatte. Trotzdem lag er vor der Schlussrunde im-mer noch in Führung, allerdings zusammen mit 5 weiteren Spieler. In den ausgelosten direkten Duellen remisierte der Deggendorfer mit Tim Schmitz (SC Sendling); auch Konczak und Sebastian Strätker (ASV Rehau) trennten sich einvernehmlich. Damit war der Weg frei für Marcus Hassa (TSV Bindlach Aktionär), der mit dem Jugendlichen Alexander Brückner (Schachklub Schweinfurt) den nominell schwächsten Partner hatte und dieses Losglück in den Turniersieg ummünzte. Haimerl gelang mit Rang zwei dennoch ein nie erwarteter Erfolg, den der sympathische und in Mannschaftskämpfen stets präsente Deggendorfer wohl als größten seiner bisherigen schachlichen Karriere verbuchen darf.


Klaus Steffan


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